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Die Arroganz der Ohnmacht

Als arrogant werden im üblichen Sprachgebrauch jene bezeichnet, welche sich anmaßend, überheblich, eingebildet gebärden. Angeklagt wird zumeist die "Arroganz der Macht": Mächtige Personen, Wirtschaftsgebilde, Parteien, Staaten, die sich rücksichtslos über die Interessen anderer hinwegsetzen, andere erniedrigen und demütigen. Oft wird dabei aber Macht moralisch in die Pflicht genommen, ohne Unterscheidung zwischen wirklicher Macht und ihren Tendenzen, sich zu behaupten und auszuweiten, und bloß eingebildeter, in Wirklichkeit überschätzter Macht, dem Dünkel real gar nicht vorhandener Überlegenheit. Jenseits der Moralgefechte ist jedoch gerade diese Unterscheidung sinnvoll.

Nur sehr selten wird die Arroganz der Ohmacht zur Sprache gebracht; obwohl sie in unserer Zeit die weltweit am meisten verbreitete Erscheinungsform der Arroganz ist. Sie ist die Mutter der modischen Ethikdiskurse, ihr Pappschwert die Anmaßung der Moral der Ohnmächtigen. Anmaßend, nicht weil den Ohnmächtigen kein Anteil am Kuchen zu gönnen wäre, sondern weil sie Machtverhältnisse moralisiert, statt nüchtern betrachtet, weil sie den simplen Machtanspruch des eigenen Standpunktes verbirgt, in feierlichen Gesten des Gesinnungsexhibitionismus den Tanz der Wahrheit zelebriert.

Das zeitgenössische Moralgeschrei ist oft bigott; denn es dient neben seinem Eventcharakter und seiner Aufheizung und Ausbeutung durch das Mediengeschäft, auch noch der psychologischen Kriegführung gewisser Staaten und Interessengruppen im gar nicht so sehr an der deklamierten Moral orientierten Kampf um ihre eigenen wirtschaftlichen und machtpolitischen Pfründen. Nicht selten tragen "erfolgreiche", militante Protestaktionen gegen Ungerechtigkeit, Krieg, Schändung von Mensch und Tier zur Verlängerung des angeprangerten Elends bei, weil die kurzfristige Rechthaberei der Moralisierer narzisstisch mehr einbringt, als das mühselige Waten durch den ausgedehnten Sumpf der Realität.

Das Elend der Ethik

Die Arroganz der Ohmacht ist in mancher Hinsicht auch ein Symptom des Elends der Ethik. In den    Ethikliturgien wird ein Weihrauch moralischer Größe verströmt, welcher sich über alle Sümpfe der Machtkämpfe, Intrigen, Rücksichtslosigkeiten, Erpressungen, Korruption, Kriege erhebt. Vernebelt bleibt meistens die Tatsache, dass jede Moral, so hochstehend sie sich auch darstellen möge, selber Produkt der Agitation und Propaganda im Rahmen dieser alltäglichen und weltweiten Machtkämpfe ist.

Die jeweils gerade geltende Moral und das herrschende Recht sind Spielregeln innerhalb und zwischen Gemeinschaften und Gesellschaften. Im Unterschied zum "moralischen Gesetz in mir", dessen Herkunft in evolutionsbiologischen, individualpsychologischen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen vielschichtiger Natur ist, beruht die Herrschaft des Rechts auf der (Bereitschaft zur) Anwendung von Gewalt.

Wollte sich das Ethikpalaver aus seinem "selbstverschuldeten" Elend befreien, müsste es sich nicht nur pro forma, sondern konsequent seiner quasireligiösen Weihen entledigen, sich vom Reich des Sollens verabschieden und sich endgültig im Reich des Wollens niederlassen. Die Unschuld derer, die auf der Seite der moralischen Wahrheit stehen, ist ein frommer Wahn. Es gibt nur die kreative Schuld derer, die wagen, Macht aufzubauen und anzuwenden. Von den anderen muss hier nicht die Rede sein.

Keine größere Gesellschaftsformation lebt allein vom "moralischen Gesetz in mir", das sind anarchistische Träume, auch nicht allein von der Einsicht der einzelnen Personen und Gruppen in die umfassenden Zusammenhänge ihrer eigenen Interessen, das sind Träume von Vernunftphilosophen. Vertrauen, die Grundlage gesellschaftlicher Effizienz, entsteht nur im Kontext einigermaßen verlässlicher Machtverhältnisse. Völkerrecht, "Menschenrechte" und alle sonstigen Rechtsordnungen sind keine himmlischen Botschaften, sondern stets vorläufige Sets von Spielregeln, deren Verfassungen nicht am Philosophentisch oder in friedlichen Konferenzen erfunden worden sind, Ausdruck bestimmter Machtverhältnisse, nicht zuletzt auch Resultate höchst gewalttätiger Auseinandersetzungen. Recht wird immer willkürlich, durch Gewalt, gesetzt und in Kraft gehalten, ob die Gewaltordnung nun durch parlamentarische Wahlprozeduren oder Einparteiensysteme oder was immer reguliert werde.

Wird Recht durch Gewalt legitimiert?

Spielregeln bedürfen der Zustimmung, um sinnvoll zu sein. Legitimität ist gewissermaßen die Quelle solcher Zustimmung. Selbstverständlich gepflegte Sitten und Gebräuche können Legitimität schaffen, die Ausstrahlung von Führerpersönlichkeiten, Gottes Wort, tradierte Gesellschaftsordnungen. Politische Legitimität behauptet sich ebenso sehr als Kanon von Werten, wie als festgelegte Verfahrensgrundsätze der legalen Entscheidungsfindung.

Doch wie immer die "höheren Werte und Ordnungen", von denen Legitimität abgeleitet werden könnte, beschworen werden, so lässt sich einzig feststellen: Legitimität entsteht aus dem allgemeinen Konsens darüber, dass eine Spielregel gelten solle. Und die Legitimität einer Handlung misst sich dann daran, ob die Spielregel auch sinngemäß eingehalten wird. Betrachte ich den Konsens nicht aus der quasireligiösen Perspektive des aufklärerischen Pathos, so erweist er sich als eine stets sehr vorläufige Festlegung, zustande gekommen in bestimmten weltgeschichtlichen Machtkonstellationen. Andere Machtkonstellationen werden ihn in Frage stellen.

Gesellschaftliche Macht besteht im Vermögen, Personen zu einem Verhalten zu bewegen, welches ohne diesen Machteinfluss sehr unwahrscheinlich wäre. Das mag durch Überzeugung, Verführung, Überlistung oder Profit versprechende Angebote geschehen. Wenn die Machtausübung Mittel der Bedrohung, psychischer, physischer oder wirtschaftlicher Art, einsetzt, ist es sinnvoll, auch von Gewalt zu sprechen. Selbst die von manchen klassischen Anarchisten geäußerte Idee, einzelne sich unbotmäßig verhaltende Personen durch "bloße" Verachtung von seiten der Gemeinschaft auszugrenzen, gehört zu den Konzepten der (von diesen verleugneten) Gewaltherrschaft. Gesellschaftliche Kooperation erfolgt nicht aus einheitlichen und einfachen Motiven. Sie beruht nicht nur auf dem freien Willen zur gegenseitigen Hilfe, nicht nur auf der Erwägung des eigenen Vorteils, nicht nur auf der Unterwerfung zur Vermeidung gewaltsamer Sanktionen, sondern auf einem komplexen Zusammenspiel all dieser Faktoren.

So ist jede herrschende Rechtsordnung auch durch Gewalt legitimiert. Mag die Verfertigung eines Gesetzeswerkes und die Zustimmung zu seiner Inkraftsetzung von noch so erhabenen Absichten getragen sein, so ist sie dennoch in einem Akt der Willkür geschaffen worden. Selbst wenn der Konsens in einer verfassunggebenden Versammlung einmütig wäre, so betrifft diese freie Übereinstimmung nur einen historischen Augenblick, und selbst wenn diese von der Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wird, hat sich die Minderheit in der einen oder anderen Form zu fügen.

In der gesellschaftlichen Praxis wird das Regulativ der Gewalt schnell offenbar, sei das im offenen oder unterschwelligen Psychoterror kleinerer oder größerer (sich an das Ideal der "freien Vereinbarung" klammernden) Gemeinschaften oder im Räderwerk der Rechtsstaaten oder Parteidiktaturen, wo das Gewaltmonopol dem Staat zugeschrieben ist. Doch wie chaotisch oder friedlich das Gesellschaftsleben verläuft, wie stabil oder prekär das Gleichgewicht einer Gesellschaftsordnung ist, hängt nicht vom Grad der "Gewaltfreiheit" ab (wohl aber auch von der Qualität der Gewalt!), sondern vom Grad des herrschenden Vertrauens in eine bestimmte Gesellschaftsordnung.

Kluge Gesellschaftspolitik kann also nicht nur im Feilschen um Legitimitäten bestehen, sondern hat ihr Augenmerk auf die höchst komplexe Frage des gesellschaftlichen Vertrauenspotentials zu richten. Dieses ist weder eine statische Größe, noch eine bloße Frage von Ethik und Moral. Das Konstrukt der Volkssouveränität als einheitlicher, klarer Quell der Legitimität ist ein moderner Mythos. In der empirischen Praxis wird es zum Diktat von allenfalls föderalistisch modifizierten Mehrheitsbeschlüssen, was im Sinne der psychologischen Machtmittel durchaus zur Stabilisierung des gesellschaftlichen Vertrauensklimas beitragen kann. Die von Macht und Gewalt getragene Willkür auch einer solcherart zustande gekommenen Legitimität bleibt aber ihr eigentlicher Quell. Auch die Idee,  "Legitimation" mit der "Anerkennungswürdigkeit" einer politischen Ordnung zu verbinden, ändert nichts an am Tatbestand, dass die Anerkennungswürdigkeit bestenfalls durch den Konsens innerhalb eines Kreises gleich gesinnter Personen in einem bestimmten historischen Augenblick behauptet wird. Die allgemeine praktische Geltung solcher Legitimität bleibt an die Dynamik der Machtverhältnisse gebunden. Jede größere gesellschaftspolitische Veränderung der Machtverhältnisse (auch der wirtschaftlichen) führt zu Legitimationskrisen der bisherigen politischen Ordnungen und stellt die Aufgabe, sich damit auseinanderzusetzen, wie neue Vertrauensverhältnisse aufgrund veränderter Spielregeln geschaffen werden können.

Die Macht der Gesellschaft lebt vom herrschenden Vertrauen

Spielregeln werden am ehesten beachtet, wenn wir darauf vertrauen, dass sie auch von den anderen beachtet werden. Doch Vertrauen gründet nicht auf Liebe, sondern auf erfahrbarer Verlässlichkeit einer Ordnung, selbst wenn ich zu ihr in Opposition stehe oder sie gar hasse. Das Vertrauen auf ein ausreichendes Macht- und Gewaltpotential, welches die Ordnung durchzusetzen vermag, spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Macht, welche Herrschaft erlaubt, erzeugt nicht nur Opposition, sondern auch Respekt. Das Vertrauen in den Schutz des Privateigentums z.B. ist der tragende Pfeiler der heutigen Weltwirtschaft. In Staaten, in denen dieser Schutz fragwürdig erscheint, ist der Mangel an Vertrauen möglicher Investoren bekanntlich ein wesentlicher Faktor ihrer wirtschaftlichen Unterentwicklung. Aber nicht nur für dieses Wirtschaftssystem, sondern für jede Wirtschaft, die abhängig ist vom Handel, ist das Vertrauen auf ausreichend stabile Machtverhältnisse, welche die Einhaltung der notwendigen Spielregeln als einigermaßen wahrscheinlich gelten lassen, notwendig.

Doch solche Ordnungen sind keine Burgen der Ruhe, keine ewigen Heiligtümer, sondern dynamische Prozesse, welche in ihrer Komplexität grundsätzlich nicht umfassend berechenbar sind. Darum ist jeder umfassende theoretische Gesellschaftsentwurf nicht nur wertlos, sondern, falls seine Anhänger, welche ihn durchzusetzen betrachten, zeitweilig zu viel Macht erhalten, auch tragisch. Die wichtige Auseinandersetzung mit den Fragen der Qualität und mittelfristigen Stabilität von Macht- und Gewaltordnungen und der Notwendigkeit und Möglichkeiten von Einwirkungen und Umgestaltungen bleibt eine permanente Herausforderung, der gegenüber weder einfache, noch umfassende Antworten hilfreich sind.

Auch die Arroganz der Ohmacht wirkt destabilisierend

Weder die Arroganz der Macht, noch die Arroganz der Ohnmacht tragen zum Aufbau und Erhalt eines stabilen gesellschaftlichen Vertrauensklimas bei. Gesellschaftliche Macht- und Gewaltpotentiale sind auch (aber nicht in jedem Fall!) Ressourcen, die für ein lebenswertes Leben der einzelnen Personen in dieser Gesellschaft unentbehrlich sind und darum keinesfalls vernachlässigt werden dürfen. Es ist eine heikle Frage, jeweils zu entscheiden, ob die Quelle vergiftet ist. Außerdem gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die vom "Westen" inaugurierten Menschenrechte als moralische Quelle gesellschaftspolitischer Legitimität, mit davon abweichenden gesellschaftlichen Traditionen in letzter Konsequenz nicht kompatibel sind, also entweder als allgemeine "Menschen"-Rechte irrelevant werden (was ich nicht vermute) oder soviel Übermacht entwickeln, dass die anderen Traditionen ihre Legitimität verlieren. Vorläufig ist auch immer wieder damit zu rechnen, dass die Gewaltoperationen der Übermacht durch die militante Arroganz der Ohnmacht erzwungen werden.

Denn wenn sich die Arroganz der Ohnmacht als weltpolitisches Michael Kohlhaas-Syndrom entfaltet, geht von ihr eine destabilisierende Gefahr aus, auf die eine entsprechende Reaktion erfolgen muss. Allerdings würde ich die gegenwärtig weltweite Zunahme der "Arroganz der Ohnmacht" nur zum Teil der echten Spontaneität von Angstreaktionen und moralischer Besserwisserei, zu der wir nun mal neigen und die vom Mediengeschäft weidlich ausgebeutet und mitgepflegt wird, zuordnen, ein großer Teil davon ist auch bewusste psychologische Kriegführung von Politikern und Interessengruppen, deren Krokodilstränen über die gefährdete Weltordnung in Wirklichkeit den eigenen gefährdeten Geschäften und Machtpositionen gelten. Das ist verständlich. Denn wer möchte nicht das Spiel gewinnen.

antonio cho

© skeptic line™
April 2003